Martin Sieberer & Simon Messner am 29/07/2020

Diese Erstbegehung beginnt mit einer Vorgeschichte die einige Jahre zurück liegt. Damals gab mir mein Vater seinen alten Kletterführer der Puez-Geislergruppe worin er mit Kugelschreiber eine mögliche Linie eingezeichnet hatte. Sie verläuft in schöner Führung durch einen steilen Turm im linken Wandbereich der mächtigen Nordwestwand des Sass Rigais (Hauptgipfel 3.025 m). Mein Vater hatte diese Linie in seiner aktiven Kletterzeit begehen wollen doch schließlich sollte es nie dazu kommen.

Als ich diesen Wandbereich zu studieren begann viel mir sogleich ein schmaler Pfeiler auf, der an der Wand zu klebenden schien. Ich konnte nicht wirklich einschätzen wie schwer die Kletterei werden würde aber ich kannte den teilweise sehr brüchigen Fels, der typisch für die Geislerspitzen ist. Also verschwand diese Linie wieder in meinem Ordner mit den Ideen für Erstbegehungen bis der Sommer 2020 kam. Ich hatte große Lust wieder einmal etwas weitab der großen Massen zu unternehmen (dazu gehören die Geislerspitzen allemal!) und als sich Martin bereit erklärte mitzukommen, war für mich klar, dass wir diese Linie versuchen sollten.

“L Pilaster Desmincià” bedeutet in der ladinischen Sprache so viel wie der “vergessene Pfeiler” (the forgotten pillar) und obwohl der Fels im unteren Teil der Route und beim Ausstieg brüchig ist, ist der Mittelteil reiner Genuss und kaum schwerer als der 5. Grad!

Der markante Pfeiler im oberen Drittel ist schlicht und einfach beeindruckend und ein wenig beängstigend zugleich (VI+ und eine Stelle VII-). Wie lange wird dieser Pfeiler der Schwerkraft noch standhalten können?

Für eine Wiederholung empfehlen wir einen Satz Keile, Cams bis Größe 3 und 2-3 Felshaken für die Standplätze. Die meisten Sanduhren haben wir mit einer fixen Schlinge versehen.

 

Der fragil wirkende Pfeiler im oberen Drittel der Route “L Pilaster Desmincià”. (Das Foto wurde von unserer Route weiter rechts, dem so genannten “Kirchdach”, im Jahr 2016 aufgenommen).

Der obere Teil des Pfeilers stellt die eigentliche Schlüsselseillänge dar, ist aber nicht schwerer als VI+ (eine Stelle VII-). Wären nicht so viele Sanduhren vorhanden, wäre diese Seillänge kaum absicherbar.

Schlanke Kletterer haben hier einen klaren Vorteil! …Martin zwengt sich im Nachstieg durch den engen Kamin.

Noch einmal ist es für wenige Meter steil, dann gelangt man in leichteres (aber brüchiges) Gelände und zum Ausstieg der Route.

Von der Seite und im Licht des Nachmittages sieht man den Pfeiler am besten. Es scheint so als würde er gerade noch an der Wand kleben beleiben… dann ist er doch stabiler als angenommen (hoffentlich!).