2019 war ein intensives Jahr für mich. Einerseits war ich damit beschäftigt unsere Filmprojekte weiterzubringen und umzusetzen (mein Vater und ich machen derzeit Filme zum Thema Berg), andererseits nutzte ich jede freie Minute um selbst klettern zu gehen. Für mich war es war ein Jahr der Auf- und Umbrüche, ein Jahr des Losgehens und des Zurückkommens. Ich war im windigen Patagonien und zum Rissklettern in der Wüste von Utah, USA. Zwei Monate im Sommer verbrachte ich in Pakistan wo mir neben dem Filmen einer Dokumentation rund um den Nanga Parbat auch die Erstbesteigung von zwei Sechstausendern gelang: des Toshe III im Alleingang (6.200m) und des Black Tooth (6.712m) im Karakorum zusammen mit Martin Sieberer. Kaum war ich wieder Zuhause in Südtirol fuhr ich Wochenende für Wochenende in die Dolomiten um dort zu klettern – der warme Fels und die Art der Bewegung hatten mir im Basislagerleben gefehlt. Sobald es dann kälter wurde ging ich zum Eisklettern oder auf Skitour. Es war ein dicht gepacktes, abwechslungsreiches und aufregendes Jahr und doch war es auch geprägt von Höhen und Tiefen. Einige meiner Freunde kamen von ihren Touren nicht wieder zurück, sie sind viel zu früh von uns gegangen.

Ich kann nicht genau sagen was mich sosehr daran fasziniert und begeistert ins Gebirge zu gehen. Ist es vielleicht die Fülle und Dichte an Emotionen die wir in unserer modernen „Konsumgesellschaft“ kaum mehr erfahren können: das Erleben und Ertragen von Anstrengung, Kälte, Anspannung, Hitze, Durst, Angst, Freude und/oder Zufriedenheit? Ist es die Konzentration auf eine einzige Sache, der sogenannte „Flow“, der mich sozusagen Eins werden lässt mit Griff und Tritt und alles Andere vergessen lässt? Ist es das Ausgesetzt sein, die Exposition, die mich fasziniert? Oder ist es diese tiefgreifende Erleichterung, sobald ich nach einem langen Tag in einer Wand wieder heil am Boden bin? Eine Frage die mich das Jahr hinweg immer wieder beschäftigte… Oft habe ich im Laufe dieses Jahres – im Zelt liegend oder beim Anmarsch über den Baltorogletscher in Pakistan – darüber nachgedacht was nun meine persönliche Motivation ist bergsteigen zu gehen. Nie kam ich zu einem befriedigenden Ergebnis. Wieso nur machen wir das? Wieso gehen wir dorthin wo Anstrengung ist, wo es gefährlich ist, wo Exposition herrscht, wo wir – wie meine Freunde – umkommen können? Um ehrlich zu sein habe ich noch keine Antwort darauf gefunden, sosehr ich mir auch den Kopf darüber zerbrach. Was ich allerdings weiß, ist, dass mich das Bergsteigen über die Jahre hinweg menschlich hat wachsen lassen. Ich wurde dankbarer für Dinge die ich früher als alltäglich und gegeben angesehen hatte: ein Glas Wasser, ein warmes Bett, eine gute Zwischensicherung, ein Unterschlupf. Für mich ist diese Erkenntnis Grund genug um weiter zu machen mit dem, was mich ganz ausfüllt: dem Bergsteigen. Und trotz der Rückschläge (oder vielleicht gerade deshalb) war ich im Dezember 2019 auch im heimatlichen Eis aktiv. Vier neue Linien bzw. Verlängerungen bestehender Touren sind mir in diesem Monat zusammen mit meinen Kletterpartnern Kurt Brugger, Martin Sieberer und Manuel Baumgartner geglückt. Die vielleicht schönste dieser Erstbegehungen ist „Hashtag Extension“ welche eine lohnende Verlängerung zum bestehenden Eisfall „Solo per un altro Hashtagh“ im Val Lasties (Sellastock, Dolomiten) darstellt. Im Dezember 2019 konnte der untere Eisfall als freistehende Eissäule geklettert werden. Die von uns erschlossene Verlängerung bietet anschließend abwechslungsreiche Kletterei im Eis und eine Seillänge im kombinierten Gelände. Als wir diese Linie Anfang Dezember kletterten war das Wetter nicht gut. Es war ausgesprochen kalt und später am Vormittag begann es zu schneien. Also bissen wir die Zähne zusammen und stiegen weiter, wohl wissend, dass wir uns – anders als in Patagonien oder in Pakistan – am Ende des Tages wieder Zuhause aufwärmen konnten. Jede Tour unterscheidet sich von der Anderen, nie herrschen im Gebirge dieselben Bedingungen.

Was ich in den letzten Jahren und vor allem im zurückliegenden Jahr gelernt habe ist, dass der „Wert“ einer Kletterei oder Besteigung nicht ausschließlich an der Schwierigkeit oder an unübertreffbaren Begehungs-Zeiten zu messen ist. Für mich bietet das Bergsteigen mehr, viel mehr! In meinen Augen schwindet der Charakter einer Tour proportional mit dem eingesetzten Material, der Fülle an Information, der Zugänglichkeit und der Anzahl der zugebrachten Erschließungstage. Ich bin mir nicht sicher wie viele Kletterer meine Meinung teilen. Ich jedenfalls werde diese Art des explorativen Bergsteigens – wenn auch auf meinem basalen Niveau – weiter praktizieren und hoffe dabei, dass wir das Gebirge auch für zukünftige Generationen so „wild“ und urtümlich wie nur möglich erhalten können. Das Erfahrungspotential ist hierbei am größten und am nachhaltigsten. Indem wir den Bergen ihre Ausstrahlungskraft belassen, sie nicht weiter erschließen und auf Eigenverantwortung beim Bergsteigen bauen, können wir ihr Flair vielleicht erhalten. Und genau das würde ich mir für 2020 und für die Jahre danach wünschen. Die, die nach uns kommen werden uns dafür dankbar sein!

In diesem Sinne wünsche ich Allen ein schönes Berg-Jahr 2020. Lasst uns ins Gebirge gehen und wieder nach Hause kommen.